Conceptual Writing & Its Environs. New Strategies in American Poetry

Der Begriff des „Conceptual Writing“ bezeichnet eine der wichtigsten Entwicklungen innerhalb der US-amerikanischen Literatur der letzten Jahre. Zu den Protagonisten dieser avantgardistischen Bewegung gehören Dichterinnen und Dichter, deren experimentelle Texte formale Parallelen zur Konzeptkunst der 1960er Jahre erkennen lassen, denen aber vor allem eins gemeinsam ist: ein Verständnis von Sprache und Text als Material und Objekt, weniger als Medium einer wie auch immer formulierten und zu kommunizierenden Botschaft. In der Einleitung zu seiner wegweisenden, internetbasierten Anthologie The UbuWeb :: Anthology of Conceptual Writing bezeichnet Craig Dworkin diese post-romantische, nicht-expressive, multimedial präsente Dichtung als „Poesie des Intellekts, nicht der Emotion“ („a poetry of intellect rather than emotion“, http://www.ubu.com/concept/).

Die Materialität der Sprache und der Objektcharakter bereits existierender und zirkulierender Texte werden gegenüber der individuellen Ausdruckskraft des einzelnen Dichters in den Vordergrund gerückt. Die einer solchen Dichtung zugrunde liegende Poetik stellt nicht nur die romantische Figur des sensitiven, genialischen Dichters in Frage, sondern auch das Wesen des literarischen Textes als Ausdruck der emotionalen Wahrheit des dichterischen Selbst. Kenneth Goldsmith, der Gründer und „Herausgeber“ von UbuWeb, spitzt die Poetik des „Conceptual Writing“ deshalb im Begriff des „uncreative writing“ zu. Darunter versteht er eine nicht-interventionistische Form des Schreibens, die sich auf das emotionale und semantische Gewicht der Sprache selbst und ihrer Einzelelemente (Morpheme, Wörter, Sätze) verlässt, nicht auf den Gefühlsvorrat und das semantische Geschick des dichterischen Selbst.

Der Ausgangspunkt des „Conceptual Writing“ liegt in einem Verständnis von heutiger Kultur als ein Raum-Zeit-Gebilde, dass von massenhaften Daten- und Informationsströmen geprägt ist. Innerhalb einer solchen Kultur wird der Vorgang des Inventarisierens, Sortierens, Ordnens und Aneignens fremder Texte wichtiger als der des individuellen, dichterischen Schöpfungsaktes.

Ihre Vorläufer (und Vorbilder) finden die konzeptuellen Dichter in der experimentellen Literatur des Modernismus (etwa bei Autor/innen wie Gertrude Stein und Samuel Beckett), in Walter Benjamins Passagen-Werk, bei den Fluxus-Künstlern, in der sog. concrete poetry der 1950er und 60er Jahre sowie der L=A=N=G=U=A=G=U=E POETRY der 1980er Jahre, aber auch in der PopArt Andy Warhols. Anders als diese Vorgänger (vielleicht mit Ausnahme von Benjamin) treibt die konzeptuelle Dichtung die Strategien der Appropriation und Re-Produktion von Texten noch einen Schritt weiter, indem alle Diskurse, von der Philosophie bis zum Journalismus, von der Naturwissenschaft bis zur Populärkultur zum Objekt bzw. Material experimentellen Arbeitens werden. Das Schreiben wird so zu einer Art Sprachmanagement; der Akt des Kopierens, Sortierens, und Re-Kontextualisierens wird zum kritischen Kommentar über den solcherart bearbeiteten Text, die Auswahl des anzueignenden, fremden Textes zur politischen Geste; die Unterscheidung zwischen Original und Kopie, zwischen Subjekt und Objekt des Schreibens erscheint zunehmend irrelevant. Hinter solchen Strategien verbirgt sich bei genauerer Betrachtung eine nicht zuletzt ethisch bedeutungsvolle Aussage zu Prozessen individueller und kultureller Identitätsbildung im Zeitalter des Sprach- und Informationsüberflusses.

In einem Symposium diskutieren amerikanische Autor/innen (Robert Fitterman, Kenneth Goldsmith, Kim Rosenfield, Vanessa Place) mit Literaturwissenschaftler/innen des John-F.-Kennedy-Instituts für Nordamerikastudien über die kulturkritischen Möglichkeiten und ästhetischen Grenzen eines solchen Dichtungskonzepts.

Das Literaturprogramm wird unterstützt durch die Amerikanische Botschaft in Berlin.

Lesungen und Diskussionen

Conceptual Writing & Its Environs. New Strategies in American Poetry


1. Mai 2009 

UferHallen Berlin-Wedding 
Uferstraße 8-11 
13357 Berlin 

Kuratoren: 
Robert Fitterman / New York University und
Catrin Gersdorf / Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin