Across the Border. American Jazz Now

Der „melting pot“ Amerika hat eine neue Jazzkultur hervorgebracht, die sich nicht mehr nur mit ihren afroamerikanischen Wurzeln beschäftigt, sondern auch mit jüdischen und europäischen. Im Zuge der Konzertreihe DISCOVER US! werden einige der bekanntesten amerikanischen Musiker beider Traditionen nach Berlin eingeladen:

Einerseits die „Erneuerer“ der aktuellen Jazzszene, die mit Musikern wie John Zorn, aber auch Paul Brody, Marc Ribot, Elliott Sharp oder Fred Frith den amerikanischen Jazz in den letzten Jahren geprägt haben. Die Klezmer-Kultur dieser, vornehmlich aus der jüdischen Religion kommenden Künstler, steht dabei in enger Verbindung mit dem improvisierten Jazz und hat diesen über die letzten Jahrzehnte hinweg stark geformt. Neben einigen Berliner Musikern, die diesen künstlerischen Konzepten folgen, wird andererseits auch der afroamerikanische Jazz vorgestellt. Mit dem „World Saxophone Quartet“, Jamaaladeen Tacumas „Coltrane Configuration“ u.a. sind einige der wichtigsten Vertreter der schwarzen Jazzkultur zu Gast in Berlin.

"Aus Prinzip schon ist der Jazz eine Grenzen überschreitende Musik. Einwanderer ließen ihn in Amerika aufblühen. Später dann war er in der Fremde oft der sinnliche und eben deswegen auch Sinn stiftende Botschafter des alternativen Lebensstils. Wieder später ging er fremd in der Fremde und holte sich und seinem Land immer neue Impulse. Er schaut, was da ist, und nimmt, was er verwenden kann. So ist er international geworden. Solche Offenheit ist eine für die Welt. Als universelle Sprache ist er vital geblieben und konnte seine Geschichte weiterschreiben. Bleibt er bei sich, tritt er auf der Stelle. Jazz ist nichts fürs Museum, auch wenn ihn einige seiner Verwalter gern dort sehen. Kulturen aber setzen dort Staub an. Der Jazz braucht den Freigang, denn er war stets ein Seismograf des Jetzt. Das hat sich nicht geändert. Was heißt Globalisierung sonst, als lauter Kreuz- und Querverbindungen? Damit sie nicht ins Wirre laufen, braucht es Diskurse in einer übernationalen Sprache. Der Jazz ist in der Lage, sie zu sprechen.

Die Konzertreihe „DISCOVER US!“ will den Dialog zwischen Amerikanern und Deutschen hinterfragen und befördern. Der funktionierte schon einmal besser. Nicht im Jazz, sondern im großen Ganzen. Reden über Amerika nach 9-11? „Ich will gar nicht davon anfangen“, sagt Elliott Sharp, „sonst würden Ihnen die Ohren abfallen. New York ist besetzt seither. Es war einmal ein Ort, wo Kunst an den Rändern wachsen konnte. Jetzt wird sie verkauft.“ Die Vorzeichen haben sich geändert: Allenthalben Optimismus nach der Wahl. Sharp macht seit 40 Jahren utopische Musik, die politisch ist. 120 Konzerte gibt er im Jahr, davon zehn in Amerika, den Rest in Asien und Europa. Das growlt und foult, ist stride und straight, ist eine gigantische Abbreviatur schwarzer Musik quer durch und quer zu den Zeiten.
Musik vermag es, die Kakophonie heutigen Lebens in der vernetzten Informationsgesellschaft in ihre stabile Saitenlage zu übersetzen. Auch Marc Ribot ist ein Querdenker. Nach 9-11 hat er eine Rockband gegründet. Er mag die harschen Tornados, quirlt schrundig und durchtrieben als einer der spannendsten Gitarristen unserer Zeit Punk, Son und Noise, jongliert mit Fundstücken. Das macht auch der improvisierende Nomade Fred Frith, der als Weltenbummler den Geräuschen und Klängen hinterher unterwegs ist. Jüngst hat er immer wieder mit der Geigerin Carla Kihlstedt gearbeitet. Ausgefuchst und wie beiläufig arrangiert sie Partikel aus Bluegrass, Balkan, alternativem Country, Trash und Schtetlmusik zu imaginärer Folklore. „Die Tore sind weit auf der anderen Seite“, singt sie in ihrer Band 2Foot Yard.

Jazz ist über die Grenzen gehen. Deutsche Musiker haben in Amerika gelernt und studiert. Amerikanische Jazzer leben in Deutschland. Daraus erwachsen unangestrengte Gegenmodelle. Paul Brody zum Beispiel ist seit mehr als 15 Jahren hier. Auch er ist ein Jongleur der Stile. „Jazz ist eine gemeinsame unabgesprochene Absprache“, sagt er. Unterm Himmel über Berlin bringt er Musiker beider Länder zusammen in einer furiosen jüdischen Musik für das 21. Jahrhundert oder im Spagat über den großen Teich zur gar nicht nostalgischen Heimatkunde.

Die Konzertreihe will keine Inventur sein. Sie ist ein Kaleidoskop, durch das man zurück nach vorn blicken soll. Deswegen wird im Konzert von Jamaaladeen Tacuma Übervater Coltrane als großer gemeinsamer Nenner angerufen und neu gedeutet. Darum ist das World Saxophone Quartet dabei, im 33. Jahr seines Bestehens noch immer eine Instanz, die aus den Wurzeln Neues wachsen lässt. Deswegen werden wichtige Musiker der endlich wieder in viele Richtungen vitalen Berliner Szene in diesem Kontext präsentiert. Die Konzertreihe will den Optimismus stützen, dass etwas geht, indem sie kommerziell verkrustete Strukturen aufbricht."            

Ulrich Steinmetzger

Neben monatlichen Konzerten im babylon:mitte am Rosa-Luxemburg-Platz, die diese beiden „Pfeiler“ der zeitgenössischen amerikanischen Jazzkultur und Begegnungen mit der europäischen vorstellen, finden außerdem wöchentlich Konzerte im Umfeld der Ausstellung Carnival within in den UferHallen in Berlin-Gesundbrunnen statt.  

Konzerte

Across the Border. American Jazz Now


30. April 2009, 20 Uhr

UferHallen
Uferstraße 8-11
13357 Berlin

String Trio of New York
John Lindberg (bass), James Emery (guitar), Rob Thomas (violin)