Carnival Within. An Exhibition Made in America


Am Anfang der Überlegungen zu unserer Ausstellung zeitgenössischer amerikanischer Kunst stand die Frage, ob die Kunst als Medium kritischer Analyse die Situation Amerikas reflektieren kann, und zwar nicht allein in einem historischen Sinne, sondern auch hinsichtlich der Gegenwart. Obwohl die Ausstellung nicht direkt den politischen und kulturellen Wandel Amerikas des Jahres 2008 thematisiert, bezieht sie sich selbstverständlich auf den historischen Moment der Wahl Barack Obamas zum neuen Präsidenten.

Carnival Within ist vom Glauben an die Möglichkeit der Transformation inspiriert, anders gesagt von jenem Motto, mit dem Barack Obama die Wahl zum nächsten US-Präsidenten gewann: „Change. The change we need. Change we can believe in.“ In kritischen Momenten ihrer komplexen und widersprüchlichen Geschichte haben die Vereinigten Staaten – oft genug entgegen aller Erwartungen – immer wieder ihre Fähigkeit zur Erneuerung und Wandlung bewiesen. Das ist lange nicht so deutlich geworden wie in diesem Moment: Der erste afroamerikanische Präsident wurde ins Amt berufen, weil er glaubwürdig das Versprechen verkörperte, eine grundlegende ideelle und ethische Wende und nicht zuletzt einen Generationswechsel in der amerikanischen Politik einzuleiten. Eine solche Erneuerung hat in Amerika viel mit der Überzeugung zu tun, dass scheinbar feststehende Regeln aufgegeben und schwere Fehler korrigiert werden können und dass, im besten Sinne des amerikanischen Positivismus, das Unwahrscheinliche wahrscheinlich ist.

Die amerikanische Kultur bezieht sich in ihren fundamentalen Ideen und Werten nach wie vor auf die religiösen Utopien der Puritaner, die aus Europa emigrierten, um sich etwa 1620 im heutigen Massachusetts niederzulassen. Aufschlussreich ist, dass sich der Wille zu Verwandlung und Transformation oft in lärmenden karnevalistischen Formen äußerte. So war der erste große Schausteller Amerikas, P.T. Barnum, nicht zufällig Zeitgenosse des ersten großen Theoretikers radikaler Kunstformen – des Dichters und Philosophen Ralph Waldo Emerson. Aus der Tradition des puritanischen Denkens und seiner Theologie kommend, hatte Emerson enormen Einfluss sowohl auf Autoren in seinem unmittelbaren Umkreis wie Henry David Thoreau und Walt Whitman als auch auf die Romantikmaler der Hudson River School und die Maler des amerikanischen Westens. Seine Wirkung reicht weit über seine Zeit hinaus und ist bis heute präsent. Ohne Barnum wären dagegen die Road Shows und Freak Shows des 19. Jahrhunderts nicht zu denken, ebenso die Erfindung des Riesenrads durch George Washington Gale Ferris, Jr., nicht Coney Island oder Hollywood, nicht Wild West City in New Jersey oder Holy Land Experience in Florida, nicht Disneyworld oder das glitzernde Las Vegas inmitten der Wüste, nicht die zahllosen kleinstädtischen Vergnügungsparks. In Anbetracht dieses sehr nachhaltigen „barnum-esken“ Einflusses auf die amerikanische Kultur liegt es nahe, von einer gleichfalls ausgeprägten Tradition des Karnevalesken in der Gegenwartskunst sprechen. Die Ausstellung Carnival Within, „made in America“, thematisiert deshalb in verschiedenen Medien und Formen Exzess, Übertreibung, Gigantomanie, Sensationslust und Parodie und verwischt damit die Grenzen zwischen High und Low, Heiligem und Profanen, Nachdenklichkeit und Lächerlichkeit.

Die Ausstellung umfasst Skulpturen, Installationen, Malerei, Zeichnungen, Fotografie und Videos von amerikanischen Künstlern sowie internationalen Künstlern, die in den USA leben und arbeiten. Unter den Beteiligten sind Janine Antoni, Joe Amrhein, Tracey Baran, Sanford Biggers, Laura Bruce, Chamecki-Lerner (Rosane Chamecki, Phil Harder, Andrea Lerner), Anne Chu, Spencer Finch, David Herbert, Joan Jonas, Nina Katchadourian, Yvette Mattern, Karyn Olivier, Joyce Pensato, William Pope.L, Peggy Preheim, Nadine Robinson und Lawrence Weiner. Während sich alle Arbeiten auf karnevaleske Formen von Schaustellerei und Spektakel beziehen, berühren sie zugleich wichtige Themen der amerikanischen Kultur: Utopien, Religiösität, Rassen- und Geschlechterfragen, Immigration, Konsum und Gewalt.

Die Bedeutung des Karnevalistischen in der Kultur hat der russische Literaturkritiker Michail Bachtin in seinem „Konzept der Karnevalisierung“ hervorgehoben. In Bachtins Verständnis sind „karnivalisierte Momente“ oder „karnivalisierte Situationen“ solche Augenblicke, in denen fest gefügte Verhaltensmuster, Konventionen, Werte, Hierarchien oder Urteile in einer Gesellschaft vorübergehend ausgesetzt werden zugunsten eines neuen Freiraums, der zugleich unbeholfen, erheiternd, verwirrend und erlösend sein kann. Dabei geht es nicht darum, das alltägliche Leben außer Kraft zu setzen oder das intelligente Bewusstsein gegen einen „entnervten“ Zustand auszutauschen. Stattdessen existiert beides nebeneinander und der Mensch bewegt sich zwischen beidem. Er betritt die „karnivalisierte Situation“, um sich testen oder probeweise verwandeln zu lassen und dann in das normales Leben zurückzukehren – ob aufgerüttelt oder bewusster – auf jeden Fall mit einem Zugewinn an Weisheit. Für die Ausstellung heißt das: Ein exzentrischer karnevalistischer Impuls wird allen ausgestellten Arbeiten zu eigen sein, mit anderen Worten ein Geist von freidenkerischem Spiel und kritischer Posse, die, in Bachtins Sinne „das Heilige mit dem Banalen verbinden, das Hochfahrende mit dem Niederen, das Großartige mit dem Bedeutungslosen, das Weise mit dem Dummen.“

Die Ausstellung wird gefördert mit Mitteln des Hauptstadtkulturfonds.

Umschlag Katalog DISCOVER US

Katalog zur Ausstellung

Carnival Within. An Exhibition Made in America

Carneval Within
An Exhibition Made in America
Hg. von Uta Grundmann mit Sabine Russ, Gregory Volk
Paperback
Seiten: 300 | Zahlreiche Abb. in Farbe. Mit Fotografien von Arwed Messmer

Kann Kunst als Medium kritischer Analyse die neue Situation Amerikas reflektieren? Die Ausstellung zeitgenössischer amerikanischer Kunst mit dem Titel „Carnival Within“ thematisierte in verschiedenen Medien und Formen Exzess, Übertreibung, Gigantomanie, Sensationslust und Parodie, zugleich aber auch wichtige Topoi der amerikanischen Kultur: Utopien, Religiosität, Rassen- und Geschlechterfragen, Immigration, Konsum und Gewalt. Sie wurde von den New Yorker Kuratoren Sabine Russ und Gregory Volk zusammengestellt und findet im von Uta Grundmann konzipierten Katalog ihre kongeniale Begleitung.

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