Sanford Biggers, Cheshire, 2008, Courtesy of the artist and D’Amelio Terras Gallery, New York
Sanford Biggers
*1970 in Los Angeles/CA, lebt und arbeitet in Cambridge/MA und New York
www.sanfordbiggers.com
Sanford Biggers’ Arbeiten – Skulpturen, Installationen, Performances und Videos – zeichnen sich durch verstörende und dissonante, dabei überaus treffende und überzeugende Kombinationen und Assoziationen aus. Heimat und Motor sind für ihn die schwarze, urbane Kultur in den USA, deren komplizierte, von Rassismus geprägte Geschichte einschließlich deren unverhohlen rassistische Symbole er auf eindrucksvolle Weise erfasst und transformiert. Darüber hinaus hat sich Biggers intensiv mit Japan und anderen asiatischen Kulturen beschäftigt und ist besonders mit buddhistischem Gedankengut und dessen Ästhetik vertraut. Oftmals verschmelzen diese zwei offensichtlich gegensätzlichen Milieus in spannungsvollen Werken, die überraschende Zusammenhänge zwischen den Kulturen und Epochen herstellen. Biggers’ Lotus (2007), ein handgefertigtes, geätztes, mit einem Stahlreif umrandetes Glas, ist auf den ersten Blick die wunderschöne und meditative Darstellung einer Lotusblume, die in der buddhistischen Tradition als spirituelles Symbol geschätzt wird. Bei näherer Betrachtung erkennt man jedoch, dass das feine Blattwerk auf dem Glas aus dem geätzten Muster eines Sklavenschiffes und seiner menschlichen Ladung besteht, das wiederum auf einer Zeichnung aus dem 18. Jahrhundert beruht.
„Carnival Within“ zeigt Biggers’ Cheshire (2007), eine grinsende, im Raum hängende Skulptur mit den blinkenden Lichtern und leuchtenden Farben eines Karnevalsschildes – man kann es sich leicht vor einer lärmenden Attraktion mitten in einem Vergnügungspark vorstellen. Die in ständigem Grinsen aufgeworfenen, knallroten Lippen beziehen sich auf Karikaturen von Schwarzen, wie sie Werbeplakate für minstrel shows, einer im 19. Jahrhundert populären Unterhaltungsform für Weiße, benutzten: Darauf wurden Afroamerikaner von Weißen mit schwarz gefärbten Gesichtern (blackface) verzerrend und entwürdigend dargestellt. Cheshire ist eine der vielen Arbeiten, in denen Biggers rassistische Klischees thematisiert und verwandelt. Die Skulptur spielt natürlich auch auf die philosophisch veranlagte, gleichnishafte Chesire-Katze in Alice im Wunderland an, die verschwindet und nur ihr geisterhaftes Lächeln zurücklässt.
Shuffle (2009), Biggers’ neue Videoinstallation, zeigt in der Hauptrolle einen verkleideten schwarzen Mann, der, mit einem Seil an einen Baum gebunden, sich abwechselnd unkonventionell frei oder aufmüpfig benimmt. Möglicherweise spielt die Installation auf beides an: den buddhistischen Lebensbaum oder die entsetzlichen Lynchmorde. In allen seinen Arbeiten verbindet Sanford Biggers die scharfe Kritik an rassistischen Allegorien und Bildern mit unzähligen historischen Hinweisen und Gegenwartsbezügen, und er tut dies mit einer außergewöhnlichen Mischung aus Humor, lodernder Wut, Exzentrizität und Freiheit des Denkens.
Ausstellungen | Bibliografie
Ausstellungen:
2008/09 Prospect .1, US-Biennale für zeitgenössische Kunst, New Orleans/LA
2007 „Iluminations“, Tate Modern, London (UK)
2002 Whitney Biennial, Whitney Museum of American Art, New York
Bibliografie:
Elizabeth Schambelan, „Being There“, in: Artforum, Januar 2009
Maura Egan, „Southern Exposure“, in: The New York Times Magazine, 7. Dezember 2008
Jeff Chang (Hg.), Total Chaos: The Art and Aesthetics of Hip-Hop, New York 2007
Cay Sophie Rabinowitz, „Sanford Biggers: Blossom“, in: grandarts.com, September/Oktober 2007