Janine Antoni, Still aus der Videoinstallation Touch, 2002, Courtesy of the artist and Luhring Augustine Gallery, New York
Janine Antoni
*1964 in Freeport/Bahamas, lebt und arbeitet in New York
Galerien:
Luhring Augustine, New York
Janine Antoni gilt zweifellos als eine der wichtigsten Künstlerinnen ihrer Generation, man denke an ihre kultverdächtigen Skulpturen der frühen 1990er wie zum Beispiel Gnaw (1992), für die sie ihre Zähne als Meißel benutzte. Antoni nagte (bis zur Übelkeit) an einem 600 Pfund schweren Klotz Schokolade und einem 600 Pfund schweren Block Schmalz, um dann „Produkte“ daraus zu machen: 27 herzförmige Päckchen durchgekauter Schokolade und 130 Lippenstifte aus gekautem Schmalz, Bienenwachs und Pigmenten. Routinierte Körperabläufe wie das Kauen sind wesentlich für Antonis Kunst – dazu gehören auch Schlafen, Baden oder Laufen, die substanziell transformiert und damit zu sinnträchtigen Tätigkeiten werden. Für Touch erlernte Antoni den Seiltanz: Sie nahm Privatstunden bei einem Akrobaten vom Big Apple Zirkus und übte Stunde um Stunde. Genug erprobt spannte sie ein Seil zwischen zwei Traktoren am Strand vor ihrem Elternhaus auf den Bahamas, und nahm ihre Strandspaziergänge wie gewohnt auf, nur lief sie nicht auf dem Strand, sondern ein wenig über dem Strand: Eine Frau an den Grenzen zwischen Ozean und Sand, Himmel und Erde. Im Video scheint sie dann wie magisch auf der Horizontlinie spazieren zu gehen.
Touch handelt nicht nur von der Balance als rein physischem Zustand, sondern auch als psychologischem und spirituellem – von Risiko und dem Bewältigen der Angst vor dem Fallen oder der Angst, die Kontrolle zu verlieren. Antoni, so sagt sie selbst, geht es darum, „mit dem Zustand des aus dem Gleichgewicht Seins besser umgehen zu können“. Denn wie sie auf dem Seil läuft, zeigt einen Weg, Anmut und Konzentration zu bewahren in einer oft turbulenten und nervenaufreibenden Welt. In einem privaten Zirkusakt verschmelzen der Körper der Künstlerin und die gewaltigen Distanzen, der vertraute Strand und die weite Welt hinter dem Horizont, die täglichen Abenteuer der Kindheit und die Erfahrungssuche des Erwachsenseins – eine Vorführung ohne Publikum an einem Morgen am Strand auf den Bahamas.
Ausstellungen | Bibliografie
Ausstellungen:
2008/09 „Prospect .1“, US-Biennale für zeitgenössische Kunst, New Orleans/LA
2007 „Fractured Figure“, DESTE Foundation for Contemporary Art, Athens
2006/07 „INTO ME/OUT OF ME“, Kunst-Werke Berlin; P.S.1 MoMa, Long Island/NY
2006 „Out of Time“, Museum of Modern Art, New York
Bibliografie:
Marsha Gordon, „A Great Desire: Interview with Janine Antoni“, in: Grrrh, Nr. 9, 2–6, 2008
The Morning After: Videoworks From the Goetz Collection, Texte von Ingo Clauß, Peter Friese, Ingvild Goetz, Susanne Touw, Ausst.-Kat. Neues Museum Weserburg, Bremen 2008
Linda Nochlin (Hg.), After the Revolution: Woman Who Transformed Contemporary Art, Texte von Eleanor Heartney, Helaine Posner, Nancy Princenthal und Sue Scott, München 2007
Nancy Princenthal, „Janine Antoni: Mother’s Milk“, in: Art in America, September 2001